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Lean back!

Sheryl Sandberg hat ein vielbeachtetes Buch geschrieben namens “Lean in” und auch ansonsten sind uns allen Begrifflichkeiten, wie “out of the comfort zone” , “besonderes Engagement”, “Gehen der Extrameile” geläufig. Wir sind geflutet von Motivationshilfen und Mitarbeiterbefragungen, die unser “lean in”, unser Engagement messen. Elektronische Medien erlauben uns längst, immer “on” zu sein und es scheint die Erwartung aller Chefs, der Kollegen, des Shareholders… an uns zu sein, immer im Geschehen sein zu müssen, immer die neuesten und kleinsten Wendungen zu kennen, immer sofort eine Antwort parat zu haben, “drin” zu sein. Das gilt auf allen Ebenen und erst recht im Topmanagement. Letztlich ist es für alle Menschen im Arbeitsleben relevant.

Nichts gegen eifriges Engagement und Nähe zu den Themen! Meiner Erfahrung nach ist aber die Herausforderung unserer Zeit nicht Engagement und “Lean in” sondern genau das Gegenteil, das “Lean back”. Damit meine ich, sich bewusst aus dem Tagesgeschäft zurück-zu-lehnen, inne-zu-halten und mit Abstand auf das Geschehen zu schauen. Meine Kunden, rennen alle wie wild, jonglieren unzählige Bälle und sind oft so unter Strom, dass sie gar nicht mehr einfach mal nur eine Stunde sein und nichts tun können – dabei kommen da die kreativen und innovativen Ideen.

Der Vorstand eines großen Aktienunternehmens, über den wir öfters heroische Artikel lesen, hat eine Aufmerksamkeitsspanne von weniger als 15 Minuten, dann muss er in seine Mails schauen, weil er es ohne nicht mehr aushält.  Ein anderer Kunde, einer der in seinem Unternehmen gefeierten Top-Talente, erst 1 Jahr in seinem großen Job, kann in der ersten halben Stunde im Coaching nicht sitzen, weil er er eine derartige Unruhe hat und sein Kopf zum Platzen scheint. Er arbeitet sich auch an Nebenschauplätzen ab und ist so aufgerieben, dass seine Frau ihn bat, einen Arzt aufzusuchen.

Ein neuer Kunde kam ins Coaching, weil er seit einigen Monaten alle wichtigen Verhandlungen verliert und so nah darin steckt, dass er gar nicht mehr sehen kann, wie der vermeintliche Teufelskreis durchbrochen werden kann. Natürlich wurde es so immer schlimmer.

Auch aus meiner eigenen Zeit als Managerin und Vorständin weiß ich, wie schwer es ist, immer das richtige Maß an Nähe und Abstand zu halten und wie leicht Dinge persönlich genommen werden, wenn der Abstand verloren geht. Es ist eine tägliche Herausforderung. In meiner letzten Führungsrolle in der Industrie habe ich in einem Versuch den Meeting-freien Freitag für mein Team und mich eingeführt. Ein Tag, zum Denken, Reflektieren und des informellen Austausches. Diese Maßnahme wurde sehr kritisch beäugt und hat sicherlich nicht jedem gefallen. Sie hat aber dafür gesorgt, dass wieder mehr Zeit zum Denken und Agieren war, statt reagierend von einem Meeting ins andere zu rennen.

Neben den offensichtlichen (aber nicht trivialen) Ansätzen, räumliche und zeitliche Pausen einzuplanen – möglichst als unberührbare Terminblöcke, – helfen auch einige Techniken dabei, ins “lean back” zu kommen. Sehr hilfreich ist es, wenn man regelmäßig übt, auf das Tagesgeschehen und alle handelnden Akteure einschließlich sich selbst von einer Zuschauerperspektive zu schauen. Setzen Sie sich mental in den Zuschauerraum und sehen Sie sich das Theaterstück an, in dem Sie spielen. Wer spielt welche Rolle? Gibt es vorhersehbare Handlungsstränge? Welche menschlichen Regungen und klassischen Rollen sind sichtbar? Welche Rolle spielen Sie, welche Reaktionen lösen Sie aus? Was ist für die Handlung wirklich wichtig, was Nebenschauplatz, der wieder verlassen werden sollte…. Etc.

In dieser zurückgelehnten Haltung sehen wir die Prioritäten aber auch von außen auf uns selbst,  wir erkennen wo wir Teil des Problems sind und wie wir Teil der Lösung sein können.

In diesem Sinne, wünsche ich ein entspanntes Wochenende und viel “Lean back” auch unter der Woche!